Make Yodeling great again

Toni aus Zell am See ist ein begnadeter Schauspieler. Wenn er nicht gerade auf der Schmittenhöhe jodelt - einem scheinbar unglaublich idealen Platz dafür, weil nur dort oben aufgrund der Topographie Mehrfachechos möglich sind – dann zieht es ihn schon mal auf Theater- und Musicalbühnen, ans Schlagzeug oder er performt in Reggea-Bands. Jodeln ist Unterhaltung, klar. Jodeln macht aber auch glücklich, versichert mir Thomas Reitsamer, der Alpin-Performer, der den „Kuhtuttn-Jodler“ gerne irgendwann mal gegen Hollywood eintauschen würde.



„Jodeln ist kein Entertainment, es ist Teil meiner Seele“, so in etwa begrüßt mich der in einer musikalischen Familien aufgewachsene Local-Jodel-Hero, während grinsende Holländer und andere nicht österreichische Feriengäste schon brav Aufstellung nehmen, um von Thomas Reitsamer für knapp eine Stunde in die vielseitige Welt des Juchizens, Schnackelns und der speziellen Atemtechniken entführt zu werden. Eine Reise zum musikalischen Ich, begleitet von Vibrationen und Schwingungen, die dem Körper richtig gut tun. Das Treatment nennt sich „Jodeln am Berg“ und findet im Juli und August immer donnerstags am Hausberg der Zeller, der Schmittenhöhe, statt. Gratis, übrigens (Anmerkung: Der Jodelkurs ist im Bergbahn-Ticket inkludiert). Großes Kino. A guate Luft, 360° Panorama und eine phasenweise satirisch vorgetragene Lektion alpenländischer Musikkunst. Wahrscheinlich ist das, was Toni gegen Bezahlung hier macht, doch auch ein kleines Stückchen Entertainment, aber nachdem er mit Herz und Seele dabei ist, wirkt es nicht gespielt.



Die D.N.A. des Jodelns: Heilung.

Los geht’s mit dem „Kuhtuttn-Jodler“, der das Eis brechen soll, weil das Stück gleich zu Beginn des Kurses in Gruppenchoreografie ausgespielt wird. Thomas macht es vor, die Azubis tun es ihm nach, wenn auch ästhetisch nicht immer punktgenau. Aber das ständig wiederkehrende „Hä-i-di – Ho-i-di“ geht den meisten Freiwilligen locker von der Zunge. Eine Dame ist sogar extra aus der Stadt Salzburg in den Pinzgau gereist, um sich dieses Schauspiel nicht entgehen zu lassen, hört man. Menschen gehen in die Knie und wieder hoch. Immer wieder. Was wie eine saisonal deplatzierte Skiaufwärmübung wirkt, ist aber ein ganzheitliches Körperjodeln und macht sichtlich Spass. Genau darin liegt die eigentliche Leistung dieses Inclusive-Angebots der Zeller Bergbahnen. Menschen, die ihren Sommerurlaub hier verbringen – ob Kurzurlaub oder Familien-Long-Stay, ganz egal - all jene schickt „Toni“ mit einem zufriedenen Lächeln, entweder weiter auf einen der zahlreichen Wanderwege oder per Gondel direkt wieder zurück ins Tal. Anyway, that’s it. Auch nicht mehr, aber sicher gut genug für eine gute Urlaubsgeschichte an niederländischen Wirtshaus-Stammtischen. Ein Diplom gibt’s natürlich auch noch, damit das Gelernte haptisch dokumentiert ist und eine ewige Ruhestätte am Kamin im trauten Heim finden darf. Überhaupt würden die TeilnehmerInnen den erlernten „Kuhtuttn-Jodler“ im Replay-Modus noch tagelang im Hotel oder sonst wo performen, versichert mir „Meister Jodler“ Reitsamer.



Mein Ziel ist Hollywood.

Neben der Unterhaltung hat das Jodeln auch eine heilende Wirkung auf den menschlichen Körper. Den Schwingungen sei Dank. Ähnlich wie beim mongolischen Obertongesang entstehen spezielle Vibrationen. „Jodeln macht gute Stimmung“, ist Thomas überzeugt. Selbst wenn er am Flughafen in New York City mal kurz und laut aufjodelt, „reisst’s die Leut zwar kurz“, aber gleich danach würden sich doch alle irgendwie happy fühlen und das ist cool. Ob mit knapp hundert Amerikanern, die einen Jodelkurs exklusiv buchen oder die Bühnen-Jodel-Show vor tausend Leuten – alles ist möglich. Sicher wird ihm der Pinzgau bald „too small“, das spürt man irgendwie.


Thomas Reitsamer ist ein talentierter Animateur. Ein Entertainer. Profi! Ihn aber nur auf diese Rolle zu reduzieren, wird ihm nicht gerecht. Spätestens als er, etwas abseits der touristisch bespielten Bergbühne auf der „Schmitten“, aus den edelsten Tiefen seiner jungen Musikerseele, den Erzherzog-Johann-Jodler darbietet, wird es ganz still in mir. Andächtig. Zugegeben, dieses Schauspiel ist hier oben landschaftlich auch sehr gekonnt eingebettet. Und ein historisch so verdichtetes Stück sorgt am Berg sowieso für eine ganz eigene, sehr emotionale Klangwelt. Tonis spontane Performance ist aber auch viel mehr. Ein Statement. Ein stiller Befreiungsschrei als notwendige Demaskierung des regional verwurzelten Pinzgauer Familienvaters. Weil schlussendlich doch Schwingungen, Klang und Atemtechnik die Essenz seines Wesens formen. Denn hier ist er zuhause. Musikalisch daheim, sozusagen. Hollywood ist in diesem Moment sehr, sehr weit weg. Und das ist gut so. Danke, Thomas.