"Trail Stories" vom Kitzsteinhorn

Ein Lokalaugenschein mit den Freeride-Biketrail-Shapern von Kaprun

Hochalpine Bergkulisse, ständig wechselnder Untergrund, felsige Passagen gehen in Flow-Sektionen über, Gas geben, bremsen, Steilkurve. Mountainbiken von über 2.500 m bis ins Tal auf 900 m Seehöhe - die Bike Freeride Trails am Kitzsteinhorn sind ein echtes Enduro- und Freeride Wonderland. Ich bin in Sachen Bike Singletrails nicht ganz einfach zufrieden zu stellen. Also ich bin kein Profi, aber ich fahre lange genug Mountainbike, um zu wissen was ich will und was mir die Freudentränen Literweise in die Augen treibt. Am Kitzsteinhorn ist das in mehrerer Hinsicht der Fall und mein Grinsen wird am Weg vom Alpincenter zur Talstation immer breiter.


Kaprun im Zentrum der MTB Weltelite

Der Ort Kaprun hat sich von Beginn an immer an aktuellen Bike Themen orientiert. Am Schaufelberg wurden in den späten 90ern MTB Weltcuprennen ausgetragen und 2002 machte sogar die Weltmeisterschaft Station in Kaprun am Fuße des Kitzsteinhorns. Seit 2012 schließt das Kitzsteinhorn nun wieder an die Kapruner Mountainbike Tradition an und eröffnete den ersten naturnahen Mountainbike Trail vom Maiskogel zum Klammsee. Das war aber erst der Anfang, heute bietet das Kitzsteinhorn drei Mountainbike Freeride Trails, die auf 12 km Länge und auf über 1.500 Höhenmetern Freeridebiker aus Nah und Fern in Verzückung geraten lassen.



“Local Heroes” für den perfekten Shape

Dass die Wartezeit von Planungsbeginn bis Fertigstellung 2012 nicht zu lang wurde, dafür sorgte die top-motivierte Shaper Crew um Martin Liebmann und Wolfgang Hillberger. Das Team an Shapern sind bekannte Gesichter am Kitzsteinhorn. Seit Jahren fließt ihr Know-How in die Snowparks am Kitzsteinhorn ein. Sie sind echte Experten in Sachen Kicker- und Halfpipe-Shaping. Im Sommer sind Martin, Wolfgang und Co. seit Jahren mit den Bikes unterwegs und kennen die umliegenden Bikeparks a la Leogang, Wagrain und Schladming wie ihre Jersey-Taschen. Kürzlich habe ich den Martin beim Biken am Kitz getroffen und durfte ihn kurz von der Arbeit am Trail abhalten, um ihm ein paar Fragen zu stellen:

Servus Martin, gratuliere gleich mal zu den tollen Trails hier am Kitzsteinhorn. Reise mit​ ​uns​ ​kurz​ ​in​ ​die​ ​jüngere​ ​Vergangenheit,​ ​wie​ ​sind​ ​die​ ​Kitz-Trails​ ​entstanden?

Servus Steph, freut mich, dass dir unsere Trails gefallen, für routinierte Biker sind sie ja auch echte Sahnehäubchen. Der Ausbau unserer Freeride Trails geht auf eine Kooperation zwischen den Gletscherbahnen, der Gemeinde Kaprun und dem Tourismusverband zurück. So wie das sein soll: es wurden die Köpfe zusammengesteckt und gemeinsame Sache gemacht, da war die de facto Arbeit an den Freeride Trails nur die Draufgabe.


Stichwort Arbeit an den Trails, war hier vorher schon ein bestehendes Wegenetz oder wurden die drei Trails ins Gelände gegraben?

Gut, dass du mich das fragst, das ist ein wichtiger Punkt. Gleich zu Beginn wurde beschlossen, und das war für uns eine Grundlagenentscheidung, nicht einfach irgendwelche Trails in die Landschaft zu graben, zu schneiden und zu hacken, wir haben uns stark an bestehenden Pfaden, Wegen und dem naturgegebenen Gelände orientiert. Aus zweierlei Gründen: erstens sind die Eingriffe in die Natur niedriger, wenn auf bestehende Pfade zurückgegriffen wird und zweitens entstehen dabei einfach bessere Trails, die sich optimal in die Landschaft integrieren. Wir haben uns, vor allem im Sinne unserer sensiblen hochalpinen Natur, an den Routen ursprünglicher Wegemacherkunst orientiert, was sehr förderlich ist für verspielte, toll zu fahrende Lines. Herausgekommen sind Freeride Trails, die die Biker nicht wie auf Schienen ins Tal “führen”, am Kitzsteinhorn muss man Biken können. Richtiges Bremsen, das Überfahren von Hindernissen und durch enge Kurven manövrieren sollte man am Kitz beherrschen, um Spaß zu haben.



Sehen wir uns die drei Freeride-Trails mal im Detail an, wie wurden diese gebaut und wie sind hier die Wegverläufe durch bestehende Wege vorgegeben?

Beim Geißstein-Trail haben weite Strecken des Weges bereits bestanden. Ab der Abzweigung von der Piste haben wir auf einen bestehenden Wanderweg zurückgegriffen. Dieser wurde dem ursprünglichen Verlauf folgend revitalisiert, ausgebaut und entsprechend “geshaped”. Bei uns kommen keine Bagger zum Einsatz, unsere Werkzeuge beschränken sich auf Spitzhacke und Schaufel. Aus diesem Grund und weil wir es hier heroben mit hochalpinen, felsigem Boden zu tun haben, wirft einem der Geißstein-Trail auch immer wieder Hindernisse, Sprünge und steinige Passagen vor die Reifen. Mit den nötigen Skills einfach hammermäßig zu fahren und man wird von Ride zu Ride besser.

Wie ist das bei den beiden anderen Trails, wurde auch hier auf bestehende Wege zurückgegriffen?

Der Wüstlau-Trail verläuft vom Langwiedboden bis ins Tal in die Wüstlau. Dabei überwindet er über 7 km und 1.070 hm und es wechseln unterschiedliche Streckenabschnitte. Die steilen und, sorry das Eigenlob, sensationell zu fahrenden Anlieger zu Beginn, wurden zwar völlig neu geshaped, aber auch hier hat ein uralter Wanderweg bestanden. Ab der Salzburger Hütte verläuft der Trail entlang eines Weges, der auch von Wanderern mitbenutzt wird. Hier kommen gute Biker, die gerne auf natürlichen Wanderwegen unterwegs sind, voll auf ihre Kosten. Im Fall des Bachler-Trails haben wir ein ähnliches Szenario. Dieser ist zwar ungleich einfacher zu fahren wie der Wüstlau-Trail, folgt aber auch beinahe unverändert einem Wanderweg, der auch von Wanderern benutzt wird.



Wie funktioniert die doppelte Wegebenutzung, gibt es hier herausfordernde Berührungspunkte zwischen Wanderern und Mountainbikern?

Ich persönlich halte viel von gemeinsamer Wegenutzung am Berg. Wir wollen doch alle eine gute Zeit haben und unseren Sport mit Hingabe und Freude ausüben, egal ob zu Fuß oder per Bike. Am Beginn der Trails stehen Hinweistafeln, die auf die gemeinsame Nutzung hinweisen und auf gegenseitige Rücksichtnahme appellieren. Wer als Sportler ernst genommen wird, kommt sich doch eh blöd vor, wenn er sich am Trail daneben benimmt oder?

Das sehe ich genauso. Noch eine Frage zum Trail-Bau: woher habt ihr das Know-How, die Freeride Trails im alpinen, felsigen Gestein zu bauen?

Wie gesagt, meine Kollegen und ich kennen das Kitzsteinhorn sehr gut. Seit vielen Jahren verbringen wir die Winter in den Snowparks und shapen mit viel Hingabe an Kickern, Obstacles und der Superpipe. Dabei entwickelt man viel Know-How für Flow und Style und es ist viel Leidenschaft dabei. Wir sind alle seit Jahren Vollblut-Biker und sind auch viel in anderen Parks unterwegs. Man sieht viel, man fährt viel und kommt dahinter, auf welche Lines man selbst besonders steht. Beim Bau haben wir auch viel von den ursprünglichen Wegemachern gelernt. Jene Leute, die früher die Wanderwege angelegt haben und diese hegen und pflegen, wissen was sie tun. Dieses Know-How ist unerlässlich, will man herausfordernde, alpine Freeride Trails shapen. Natürlich haben wir auch Blutgeld bezahlt. Wenn dir nach starkem Regen ein Trailabschnitt sprichwörtlich vom Berg geschwemmt wird, entwickelst du ein Gefühl dafür, was du nächstes Mal anders machen wirst.



Wie geht es weiter am Kitzsteinhorn? Wie sieht die Zukunft der Freeride-Trails aus?

Wenn es nach uns geht, gäbe es am Kitzsteinhorn noch eine Reihe weiterer Trails, was allerdings aufgrund des Geländes und der Beschaffenheit nicht ganz einfach zu realisieren ist. Wir arbeiten jedenfalls weiter daran, das Trail-Netz attraktiv zu halten und weiter zu optimieren. Bei sportlichen Passagen und coolen Spots haben wir noch Luft nach oben. Ein nächster Schritt wird sicher, die erste Passage vom Alpincenter in Richtung Tal auf einen lässigen Trail zu verlegen, daran arbeiten wir aktuell. Eine Besonderheit ist auch, dass die drei aktuellen Freeride Trails nicht langweilig werden. Auf unseren Trails gehört schon etwas Erfahrung dazu, um auf jedem Abschnitt Spaß zu haben. Dadurch wird man auch von Ride zu Ride besser und kann sich noch steigern!

Martin, vielen Dank für das informative Gespräch. Eine letzte Frage, was fährst du für ein Bike und welche Kategorie eignet sich am besten am Kitz?

Mit einem Enduro hat man sicherlich den meisten Spaß. 160 - 180 mm Federweg reichen locker aus. In den Steilkurven und an kurzen Anstiegen ist man wendiger und spritziger unterwegs, als mit einem Downhill Bike. Ich fahre noch wenig Federweg und sitze auf einem 140er All Mountain. Auch damit kann man am Kitzsteinhorn sehr viel Spaß haben, man sollte halt wissen, was man tut und einen ausgefeilten "Riding-Style" an den Tag legen (lacht).

Und den sehen sehen wir uns jetzt gleich mal an. Hast du noch Zeit für einen gemeinsamen Run? Wäre super, wenn du mir deine Lieblings-Spots entlang “deiner” Freeride Trails zeigst.

Gerne, versuch halt mitzuhalten. Du weißt, wer die Trails baut, kennt die Strecke in- und auswendig ...

... UND WEG WAR ER, VERSCHWUNDEN IN EINER STAUBWOLKE!